Berlin, du deutsche deutsche Frau
Die schönsten Berlin-Gedichte von Wolf Biermann.
"Berlin ist nun mal meine erste Liebe seit 1955. Und die Stadt wurde meine alte Liebe, weil ich mich immer wieder neu in sie verliebt habe. Ach! solch eine kapriziöse Dauergeliebte muss der Poet bei mancher Gelegenheit neu besingen...... " (Wolf Biermann)
Kein Dichter der Nachkriegszeit hat die Stadt Berlin so liebevoll besungen und so rabiat bedichtet wie Wolf Biermann. Als junger Mann eröffnete er 1962 diesen politischen Minnedienst mit dem Lied:
Berlin, du deutsche deutsche Frau
Ich bin dein Hochzeitsfreier!
Im November 1965 wurde der Dichter in der DDR total verboten. Wolf Biermann antwortete auf Unterdrückung mit geistreichem Spott. Aber nicht zu vergessen: Es ist vor allen Dingen die poetischen Kraft in seinen Gedichten und Liedern, die seiner Radikalität soviel Ausdruck verleiht und welche die Gedichte und Lieder so populär machte.
Liebeslieder wie das vom Frühling auf dem Mont Klamott gehören zu Berlin, weil der Poet "auf dem Kehricht vom letzten großen Krieg" mit seiner Schönen von hoch oben aus über die Grenze in den Westen der Stadt hinüber schaut. Und nur in Berlin konnte Biermann eine Ballade schreiben über den Dichter François Villon, der nächtens auf der Mauer rumturnt und Rotwein ausblutet.
Wolf Biermann verspottete die Ostberliner Bonzen in seiner Populärballade: "Ihr löscht das Feuer mit Benzin!". Und die Stasi mit ihren Abhörwanzen verhöhnte er in der Stasiballade als seinen "Eckermann". Er nahm kein Blatt vor den Mund, er portraitierte seine Freunde, ermutigte die Verzagten und stachelte die Kollegen an: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um!" - so heißt es in einem gesungenen Selbstportrait für Reiner Kunze. Und so sprach er vielen Verstummten in Ostberlin aus tiefster Seele:
Wie eingepfercht in Kerkermauern
Liegt in den Mauern dieser Stadt
Wolf Biermann, beißt mit gelben Hauern
In Steine nur und hat es satt ...
Wolf Biermann wurde 1976 aus Ostberlin vertrieben. Der Ausgebürgerte kehrte in seine Vaterstadt Hamburg zurück. Solange die Mauer stand, besuchte er Westberlin nur immer kurz zu Konzerten - ihn schmerzte zu sehr der unüberwindbare Stacheldraht. Nicht nur ihm ging es so. "Doch als ich nach Haus an die Mauer kam/ und als mich der Grenzer beiseite nahm/ da half mir kein Lächeln, kein Bitte/ da stand ich so elend vorm Posten.." schrieb er in der Ballade für Eva-Maria Hagen: "Ich bleib immer die ausm Osten". Und selbst in der Fremde in Frankreich holte Berlin ihn ein. Als Biermann seinen Freund, den DDR-Dokumentarfilmer Jürgen Böttcher 1986 in Paris treffen kann, kommt er zu dem Schluss: "Wir bleiben auf ewig im selben Boot - und fahren längst auf verschiedenen Flüssen."
Der Zusammenbruch des Ostblocks machte es möglich, dass Wolf Biermann nicht nur sein vertrautes Berlin-Mitte wieder fand, sondern nun auch ohne Krampf den Westen. "Und ich ließ mich seitdem mit dem ganzen, dem wiedervereinigten Berlin ein."
"Was kümmert es so´n ostberliner Hosenmatz/ Ob Papa Stasispitzel oder Dissi war" lacht Biermann in seinem Lied über die Kids auf dem Kollwitzplatz, dem "Herz vom Prenzlberg." Biermann atmet "Staub im Steinbruch der Zeit" auf der Potse am Landwehrkanal und sieht: "Im Zentrum unterm Kränewald, da wächst ein Babylon/ aus Geldmacht, Architektenstolz, aus bestem Stahlbeton". Die Zukunft des wiedervereinigten Deutschlands, singt er, "wird nämlich entschieden im Streit um die Vergangenheit."
Die Mauer ist gefallen, die Stadt vereint und frei. Trotzdem gibt es für Wolf Biermann, der 2006 Ehrenbürger der Stadt Berlin wurde, einen Kein-Ort: Die Chausseestraße 131. Warum? - Das erfahren die Leser im dem Gedicht. "Ich fahr nicht an meiner Wohnung vorbei/ Hannoversche - Ecke Chausseestraße - nein!"
Wolf Biermanns Gedichte liefern ein großes poetisches Portrait der Stadt Berlin und ihrer Geschichte. Die Auswahl der Gedichte überließ Wolf Biermann seiner Frau Pamela.
Wolf Biermann: Berlin, du deutsche deutsche Frau
Hoffmann und Campe. 17,95 €.
Die schönsten Berlin-Gedichte von Wolf Biermann.
"Berlin ist nun mal meine erste Liebe seit 1955. Und die Stadt wurde meine alte Liebe, weil ich mich immer wieder neu in sie verliebt habe. Ach! solch eine kapriziöse Dauergeliebte muss der Poet bei mancher Gelegenheit neu besingen...... " (Wolf Biermann)
Kein Dichter der Nachkriegszeit hat die Stadt Berlin so liebevoll besungen und so rabiat bedichtet wie Wolf Biermann. Als junger Mann eröffnete er 1962 diesen politischen Minnedienst mit dem Lied:
Berlin, du deutsche deutsche Frau
Ich bin dein Hochzeitsfreier!
Im November 1965 wurde der Dichter in der DDR total verboten. Wolf Biermann antwortete auf Unterdrückung mit geistreichem Spott. Aber nicht zu vergessen: Es ist vor allen Dingen die poetischen Kraft in seinen Gedichten und Liedern, die seiner Radikalität soviel Ausdruck verleiht und welche die Gedichte und Lieder so populär machte.
Liebeslieder wie das vom Frühling auf dem Mont Klamott gehören zu Berlin, weil der Poet "auf dem Kehricht vom letzten großen Krieg" mit seiner Schönen von hoch oben aus über die Grenze in den Westen der Stadt hinüber schaut. Und nur in Berlin konnte Biermann eine Ballade schreiben über den Dichter François Villon, der nächtens auf der Mauer rumturnt und Rotwein ausblutet.
Wolf Biermann verspottete die Ostberliner Bonzen in seiner Populärballade: "Ihr löscht das Feuer mit Benzin!". Und die Stasi mit ihren Abhörwanzen verhöhnte er in der Stasiballade als seinen "Eckermann". Er nahm kein Blatt vor den Mund, er portraitierte seine Freunde, ermutigte die Verzagten und stachelte die Kollegen an: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um!" - so heißt es in einem gesungenen Selbstportrait für Reiner Kunze. Und so sprach er vielen Verstummten in Ostberlin aus tiefster Seele:
Wie eingepfercht in Kerkermauern
Liegt in den Mauern dieser Stadt
Wolf Biermann, beißt mit gelben Hauern
In Steine nur und hat es satt ...
Wolf Biermann wurde 1976 aus Ostberlin vertrieben. Der Ausgebürgerte kehrte in seine Vaterstadt Hamburg zurück. Solange die Mauer stand, besuchte er Westberlin nur immer kurz zu Konzerten - ihn schmerzte zu sehr der unüberwindbare Stacheldraht. Nicht nur ihm ging es so. "Doch als ich nach Haus an die Mauer kam/ und als mich der Grenzer beiseite nahm/ da half mir kein Lächeln, kein Bitte/ da stand ich so elend vorm Posten.." schrieb er in der Ballade für Eva-Maria Hagen: "Ich bleib immer die ausm Osten". Und selbst in der Fremde in Frankreich holte Berlin ihn ein. Als Biermann seinen Freund, den DDR-Dokumentarfilmer Jürgen Böttcher 1986 in Paris treffen kann, kommt er zu dem Schluss: "Wir bleiben auf ewig im selben Boot - und fahren längst auf verschiedenen Flüssen."
Der Zusammenbruch des Ostblocks machte es möglich, dass Wolf Biermann nicht nur sein vertrautes Berlin-Mitte wieder fand, sondern nun auch ohne Krampf den Westen. "Und ich ließ mich seitdem mit dem ganzen, dem wiedervereinigten Berlin ein."
"Was kümmert es so´n ostberliner Hosenmatz/ Ob Papa Stasispitzel oder Dissi war" lacht Biermann in seinem Lied über die Kids auf dem Kollwitzplatz, dem "Herz vom Prenzlberg." Biermann atmet "Staub im Steinbruch der Zeit" auf der Potse am Landwehrkanal und sieht: "Im Zentrum unterm Kränewald, da wächst ein Babylon/ aus Geldmacht, Architektenstolz, aus bestem Stahlbeton". Die Zukunft des wiedervereinigten Deutschlands, singt er, "wird nämlich entschieden im Streit um die Vergangenheit."
Die Mauer ist gefallen, die Stadt vereint und frei. Trotzdem gibt es für Wolf Biermann, der 2006 Ehrenbürger der Stadt Berlin wurde, einen Kein-Ort: Die Chausseestraße 131. Warum? - Das erfahren die Leser im dem Gedicht. "Ich fahr nicht an meiner Wohnung vorbei/ Hannoversche - Ecke Chausseestraße - nein!"
Wolf Biermanns Gedichte liefern ein großes poetisches Portrait der Stadt Berlin und ihrer Geschichte. Die Auswahl der Gedichte überließ Wolf Biermann seiner Frau Pamela.
Wolf Biermann: Berlin, du deutsche deutsche Frau
Hoffmann und Campe. 17,95 €.